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Beach on Colombia’s Caribbean coast with traditional huts, palm trees, and ocean

Was, wenn Ihre Impact Assessment wichtige Risiken übersieht?

3 Fragen zum Umgang mit relationalen und systemischen Dynamiken Unsere Erfahrungen mit einem Tourismusprojekt in einer indigenen Fischereigemeinschaft in Kolumbien zeigen, wie ein Projekt umfassend geprüft und dennoch nicht vollständig verstanden werden kann. Herkömmliche Assessments sind auf bestimmte Arten von Informationen ausgerichtet und erfassen oder adressieren möglicherweise relationale und systemische Dynamiken wie Machtverhältnisse, historische Konflikte, Beziehungsdynamiken und Veränderungen sozialer Identitäten nicht vollständig. Diese Dynamiken sind relevant, weil sie beeinflussen können, wie soziale und wirtschaftliche Auswirkungen entstehen und sich verstärken und damit den Verlauf eines Projekts beeinflussen. Um diese blinden Flecken zu adressieren, schlagen wir einen dreigliedrigen Ansatz vor, der auf der Erfassung, Interpretation und Bearbeitung relationaler und systemischer Dynamiken basiert.

Reflexionen aus der Praxis #3

August 20267 Minuten LesezeitVon Silja Aebersold

Unsere Erfahrungen mit einem Tourismusprojekt in einer indigenen Fischereigemeinschaft in Kolumbien zeigen, wie ein Projekt umfassend geprüft und dennoch nicht vollständig verstanden werden kann. Herkömmliche Assessments sind auf bestimmte Arten von Informationen ausgerichtet und erfassen oder adressieren möglicherweise relationale und systemische Dynamiken wie Machtverhältnisse, historische Konflikte, Beziehungsdynamiken und Veränderungen sozialer Identitäten nicht vollständig. Diese Dynamiken sind relevant, weil sie beeinflussen können, wie soziale und wirtschaftliche Auswirkungen entstehen und sich verstärken und damit den Verlauf eines Projekts beeinflussen. Um diese blinden Flecken zu adressieren, schlagen wir einen dreigliedrigen Ansatz vor, der auf der Erfassung, Interpretation und Bearbeitung relationaler und systemischer Dynamiken basiert.

Unsere Erfahrungen mit einem Tourismusprojekt in einer indigenen Fischereigemeinschaft in Kolumbien zeigen, wie ein Projekt umfassend geprüft und dennoch nicht vollständig verstanden werden kann. Herkömmliche Assessments sind auf bestimmte Arten von Informationen ausgerichtet und erfassen oder adressieren möglicherweise relationale und systemische Dynamiken wie Machtverhältnisse, historische Konflikte, Beziehungsdynamiken und Veränderungen sozialer Identitäten nicht vollständig. Diese Dynamiken sind relevant, weil sie beeinflussen können, wie soziale und wirtschaftliche Auswirkungen entstehen und sich verstärken und damit den Verlauf eines Projekts beeinflussen. Um diese blinden Flecken zu adressieren, schlagen wir einen dreigliedrigen Ansatz vor, der auf der Erfassung, Interpretation und Bearbeitung relationaler und systemischer Dynamiken basiert.

Kolumbien, Karibikküste: Ein internationales Unternehmen führt ein Impact Assessment für ein geplantes Tourismusprojekt an einem Strand auf dem Gebiet einer indigenen Fischereigemeinschaft durch. Das Impact Assessment identifiziert zahlreiche soziale und ökologische Auswirkungen – von den Rechten und Löhnen der während der Bauphase beschäftigten Arbeitnehmenden bis hin zu möglichen Auswirkungen des erwarteten Zustroms von Touristen auf die Biodiversität der nahegelegenen Korallenriffe – und schlägt entsprechende Maßnahmen zur Minderung negativer Auswirkungen vor. Es stellt auch fest, dass sich die Gemeinschaft aufgrund eines tief verwurzelten Misstrauens gegenüber externen Akteuren und der Sorge, Teile ihrer bisherigen Lebensweise zu verlieren, weitgehend gegen das Tourismusprojekt stellt. Diese Erkenntnisse werden jedoch nicht in entsprechende Mitigierungsmaßnahmen übersetzt und bleiben im abschließenden Bericht unberücksichtigt.

Dies ist kein Einzelfall und betrifft nicht nur Projekte auf dem Land indigener Gemeinschaften. Die Schwierigkeit, bestimmte Dynamiken zu erfassen und zu adressieren, zeigt sich vielmehr bei vielen Impact Assessments ganz unterschiedlicher Aktivitäten von Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen – etwa bei Aktivitäten mit migrantischen Arbeitnehmenden oder in Postkonfliktgesellschaften, informellen Siedlungen oder bäuerlichen Gemeinschaften.

In dieser Reflektion aus der Praxis argumentieren wir, dass sich diese blinden Flecken bei Impact Assessments vor allem auf „systemische“ oder „relationale“ Dynamiken beziehen. Die blinden Flecken entstehen dabei auf unterschiedliche Weise: Informationen werden entweder gar nicht erst erhoben, dokumentiert, aber nicht als relevant erkannt, oder als relevant erkannt, ohne in konkrete Maßnahmen übersetzt zu werden. Wir untersuchen, warum diese blinden Flecken entstehen und welche Folgen es hat, wenn sie nicht adressiert werden. Abschließend schlagen wir drei Fragen vor, die Organisationen sich stellen können, um Erkenntnisse über relationale und systemische Dynamiken zu erfassen, zu interpretieren und in konkrete Maßnahmen zu überführen.

Obwohl sich diese Reflexion auf Impact Assessments konzentriert, sind dieselben blinden Flecken und Fragen auch für umfassendere Menschenrechts-, ESG-, Sozial- oder Projektrisikobewertungen relevant.

Welche blinden Flecken treten bei Impact Assessments typischerweise auf?

Impact Assessments messen nicht zwangsläufig die „falschen“ Dinge. Sie sind häufig sehr gut darin, das zu messen, wofür sie konzipiert wurden. Dazu gehören leicht quantifizierbare und messbare Aspekte: Umweltindikatoren wie Veränderungen der Schadstoffbelastung, Wassertemperatur oder Biodiversität, wirtschaftliche Vorteile, Löhne und Arbeitszeiten sowie Auswirkungen auf Infrastruktur, Gesundheit und Sicherheit. All diese Auswirkungen sind wichtig, vermitteln jedoch möglicherweise kein vollständiges Bild.

Tatsächlich sind viele der Dynamiken, die darüber entscheiden, ob ein Projekt erfolgreich umgesetzt wird oder auf Widerstand stößt, relationaler und systemischer Natur. Sie treten vor, während und nach Beginn eines Projekts auf und umfassen:

  • Veränderungen von Machtverhältnissen
  • Beziehungsdynamiken
  • Abhängigkeiten
  • sozialen Zusammenhalt
  • kulturelle Praktiken und Veränderungen sozialer Identitäten
  • historische Konflikte

Diese relationalen und systemischen Dynamiken sind nicht einfach zusätzliche konventionelle soziale Auswirkungen. Sie sind die zugrundeliegenden oder übergreifenden Prozesse, durch die andere Auswirkungen entstehen, sich entwickeln und verstärken. Sie lassen sich durch herkömmliche Impact-Assessment-Methoden schwieriger erfassen, weil ihre relationale und systemische Natur eine entsprechende Bewertung erschwert. Ihre Identifizierung hängt vom Kontext, von Beziehungen und vom Zusammenspiel verschiedener Erkenntnisse ab. Und selbst wenn Impact Assessments diese Dynamiken erfassen, besteht die Herausforderung darin, ihre Bedeutung zu interpretieren und in konkrete Maßnahmen zur Minderung negativer Auswirkungen zu übersetzen.

Das Beispiel der kolumbianischen Fischereigemeinschaft veranschaulicht diesen Punkt. Das Impact Assessment erfasste die Anzahl der Haushalte der Gemeinschaft, die für das Tourismusprojekt umgesiedelt werden müssten, um die benötigten Flächen freizumachen. Der erwartete Beginn des Projekts hat jedoch bereits eine negative Dynamik innerhalb der Gemeinschaft ausgelöst: Aus Angst vor einer Vertreibung sind mehrere Familien bereits in eine nahegelegene Stadt gezogen. Dadurch haben die verbleibenden Familien soziale Beziehungen verloren und der Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft hat sich geschwächt. In der Folge sind bei den verbliebenen Gemeindemitgliedern Ressentiments gegenüber möglichen Veränderungen ihrer traditionellen Lebensweise entstanden, was das Misstrauen gegenüber dem Tourismusprojekt verstärkt und ihren Widerstand dagegen intensiviert hat. Das Impact Assessment erfasste somit zwar die Notwendigkeit, die Gemeinschaft umzusiedeln, bewertete jedoch nicht die Auswirkungen der bereits vor Projektbeginn bestehenden Erwartung einer Umsiedlung und die daraus resultierenden sozialen Auswirkungen.

Warum entstehen diese blinden Flecken?

Die Marginalisierung relationaler und systemischer Dynamiken in Impact Assessments weist auf mehrere, grundlegende Annahmen standardisierter Assessment-Ansätze hin. Zu den wichtigsten gehören:

Fokus auf Compliance: Herkömmliche Impact-Assessment-Methoden sind häufig «nach oben» ausgerichtet. Das bedeutet, dass sie darauf ausgerichtet sind, die Anforderungen von Investoren, Regulierungsbehörden, Unternehmenszentralen und Auditoren zu erfüllen. Viele Impact Assessments bewegen sich innerhalb eines Compliance-orientierten Rahmens, in dem der Nachweis, dass vorgegebene Anforderungen erfüllt wurden, stärker im Vordergrund stehen kann als ein umfassendes Verständnis der Projektrisiken.

Priorisierung quantifizierbarer Daten: Assessment-Ansätze priorisieren häufig leicht quantifizierbare Daten, weil diese mit Benchmarks verglichen, in Bewertungssysteme integriert und in standardisierten Formaten dargestellt werden können. Impact Assessments werden zudem möglicherweise unter Zeitdruck durchgeführt, wodurch der Rückgriff auf quantitative Daten praktischer und einfacher erscheint.

Marginalisierung relationaler und systemischer Dynamiken: Wenn ein Impact Assessment unterschiedliche Erkenntnisse in standardisierte Kategorien, Signifikanzbewertungen, Risikomatrizen und Maßnahmenpläne überführen muss, können Faktoren, die sich nur schwer definieren oder bewerten lassen, allmählich an Bedeutung verlieren. Die deutsche Sprache kennt dafür einen treffenden Begriff: „wegdokumentiert“ – etwas wird zwar formal dokumentiert, verschwindet aber durch die Dokumentation faktisch aus der weiteren Betrachtung.

Isolierung einzelner Auswirkungen: Herkömmliche Assessment-Rahmenwerke unterteilen Auswirkungen häufig in einzelne Kategorien. Dadurch lassen sich individuelle Auswirkungen leichter bewerten und Verantwortlichkeiten zuordnen. Gleichzeitig kann dadurch jedoch aus dem Blick geraten, wie verschiedene Auswirkungen miteinander interagieren und sich gegenseitig verstärken.

Vereinfachung von Komplexität: Impact Assessments müssen komplexe Realitäten in Kategorien, Signifikanzstufen, Minderungsmaßnahmen, Verantwortlichkeiten und Zeitpläne übersetzen. Dies ist notwendig, um Struktur zu schaffen. Der Prozess, komplexe Dynamiken der realen Welt für Organisationen handhabbar zu machen, kann jedoch auch die Beziehungen zwischen diesen Dynamiken auflösen und dazu führen, dass sie in standardisierten Assessment-Systemen unsichtbar werden.

Warum sind diese blinden Flecken relevant?

Wenn Impact Assessments relationale und systemische Dynamiken nicht erfassen oder ihnen nur eine marginale Bedeutung beimessen, kann dies negative operative, wirtschaftliche und reputationsbezogene Folgen für Organisationen haben:

Fehlerhafte Entscheidungen: Organisationen verfügen möglicherweise nicht über ein ausreichendes Verständnis des tatsächlichen Risikoumfelds und treffen Entscheidungen auf Grundlage eines unvollständigen Bildes der Projektrisiken. Dabei können sie Dynamiken übersehen, die dazu beitragen können, dass Widerstand eskaliert, Beziehungen sich verschlechtern, Minderungsmaßnahmen unwirksam werden oder Projekte Verzögerungen erfahren.

Unwirksame Minderungsmaßnahmen: Organisationen können erhebliche Ressourcen darauf verwenden, messbare Auswirkungen zu mindern, während die zugrunde liegenden Konflikttreiber unadressiert bleiben. Dies erklärt auch, warum ein Projekt für jede einzelne identifizierte Auswirkung Mitigierungsmaßnahmen vorsehen und dennoch insgesamt zu einem desaströsen Ergebnis führen kann.

Folgen für das Projekt: Ohne ein angemessenes Verständnis der bestehenden Risiken und ihrer operativen Konsequenzen können Organisationen mit Widerstand gegen das Projekt, Verzögerungen, steigenden Sicherheitskosten, dem Rückzug von Investoren und Partnern, Reputationsschäden und möglicherweise sogar der Einstellung des Projekts konfrontiert sein. Zudem können zusätzliche Konsultationen erforderlich werden oder eine Neugestaltung des Projekts während der Umsetzungsphase notwendig werden.

Die Frage ist daher nicht unbedingt, ob eine Organisation rechtlich dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass sie ein bestimmtes relationales oder systemisches Risiko nicht identifiziert oder keine geeigneten Maßnahmen zu dessen Minderung entwickelt hat. Entscheidend ist vielmehr, ob die Organisation auf Grundlage eines hinreichend genauen Verständnisses des Risikoumfelds fundierte Entscheidungen treffen kann.

Wie können Organisationen das Risiko blinder Flecken reduzieren?

Wir schlagen hierfür einen Ansatz vor, der auf drei Säulen basiert: Capture, Interpret und Act. Die folgenden drei Fragen greifen diese Säulen auf und bieten einen ersten Rahmen, um zu analysieren, wie ein Impact Assessment mit relationalen und systemischen Dynamiken umgeht. Ziel dieses Ansatzes ist es nicht, eine allgemeingültige Liste solcher Dynamiken zu erstellen, sondern zu prüfen, ob ein Assessment-Prozess in der Lage ist, diese zu erfassen, zu interpretieren und entsprechende Maßnahmen daraus abzuleiten.

Capture: Erfasst Ihre Assessment-Methodik relationale und systemische Dynamiken?

Betrachten Sie den Umfang des Impact Assessments, die verwendeten Fragen und Templates, Impact-Kategorien, Methodik zur Einbindung von Stakeholdern, kumulative und indirekte Auswirkungen sowie die Kontextanalyse.

Mit anderen Worten: Welche Instrumente nutzt Ihre Assessment-Methodik, um relationale und systemische Dynamiken zu identifizieren?

Im kolumbianischen Fall identifizierte das Impact Assessment das Misstrauen der Gemeinschaft sowie ihre Sorgen über soziale und kulturelle Veränderungen, erfasste jedoch nicht vollständig die zugrunde liegenden relationalen und systemischen Dynamiken.

Interpret: Kann Ihr Impact Assessment interpretieren, was Stakeholder Ihnen mitteilen?

Analysieren Sie, wie das Impact Assessment mit unterschiedlichen Stakeholdern in Kontakt tritt, welche Informationen erfasst werden und wie deren Aussagen nach der Datenerhebung dokumentiert, gewichtet und interpretiert werden.

Mit anderen Worten: Dokumentiert das Assessment lediglich, was Stakeholder sagen, oder analysiert es auch, was ihre Aussagen über Machtverhältnisse, historische Erfahrungen, Abhängigkeiten, sozialen Zusammenhalt und die Akzeptanz des Projekts aussagen?

Im Beispiel der kolumbianischen Gemeinschaft dokumentierte das Impact Assessment den Widerstand der Gemeinschaft gegen das Tourismusprojekt, der auf Misstrauen gegenüber externen Akteuren und der Angst vor dem Verlust ihrer Lebensweise beruhte. Das Assessment interpretierte jedoch nicht vollständig, wie sich diese Dynamiken bereits manifestierten und den Widerstand der Gemeinschaft gegen das Projekt verstärkten. Es versäumte, diese Informationen im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf soziale Praktiken und Identitäten, Machtverhältnisse und das Tourismusprojekt selbst zu interpretieren.

Act: Können Erkenntnisse über relationale und systemische Dynamiken das Projekt beeinflussen?

Prüfen Sie, ob Risikoinventare, Maßnahmenpläne, Entscheidungsprozesse, Monitoring-Mechanismen sowie die Organisations- und Projekt-Governance Erkenntnisse zu relationalen und systemischen Dynamiken berücksichtigen und in konkrete Maßnahmen übersetzen.

Mit anderen Worten: Wo ist die Erkenntnis sichtbar, nachdem das Assessment abgeschlossen ist?

Im kolumbianischen Beispiel reagierte das Unternehmen nicht auf die identifizierten relationalen und systemischen Dynamiken. Die Feststellung des Assessments zum Misstrauen der Gemeinschaft gegenüber externen Akteuren führte weder zu entsprechenden Maßnahmen noch zu Änderungen am Projektdesign.

Fazit

Impact Assessments müssen relationale und systemische Dynamiken erfassen, interpretieren und in konkrete Maßnahmen übersetzen, da es sich dabei um übergreifende Prozesse handelt, durch die andere Auswirkungen entstehen, sich entwickeln und verstärken. Sie können die Zustimmung zu oder den Widerstand gegen Projekte beeinflussen und operative, wirtschaftliche und reputationsbezogene Auswirkungen haben, mit denen sich Organisationen auseinandersetzen müssen.

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